Wie politisch s/wollen wir sein?

3 Jun

Donnerstag war ein wahrhaft großartiger Gartel-Tag.  Morgens um acht wurde ich fünf Meter vor meiner Haustür mit den Früchten meiner offensichtlich exzellenten Pressearbeit konfrontiert:

Just kidding. Die meinen uns ECHT nicht. QED.

Wir haben tatsächlich keinen Hanf angebaut (allerding wehen vier Mohnblumen im Wind und was man damit alles anstellen kann, ist ja bekanntlich ein Kapitel für sich), obwohl Hanf  so eine unglaublich vielseitige Pflanze ist, was selbst staatliche Organe inzwischen zum Anbau treibt. 😉  Ich habe allerdings kurz darüber nachgedacht, weil ich im Sinne der Permakultur gerne viele Pflanzen im Garten hätte, die multifunktional eingesetzt werden und lange Kulturtraditionen haben (Hanföl beispielsweise mische ich ob seines ausgewogenen Omega 3 zu Omega 6 Verhältnisses unter fast jedes Essen meines Winzlings und Langhanfgarne sind ein superwiderstandsfähiges Taumaterial) – aber damit hätte ich folgenden betäubungsmittelpräventiven Prozess in Gang gesetzt (in seiner Gänze nachzulesen hier):

1. Anbaubefugnis
Der Anbau von Nutzhanf ist nur den Unternehmen der Landwirtschaft im Sinne des § 1 Abs. 4 des Gesetzes über die Alterssicherung der Landwirte (ALG) erlaubt, deren Betriebsflächen die in § 1 Abs. 2 ALG genannte Mindestgrößen erreichen oder überschreiten.
Das ist in der Regel dann der Fall, wenn der Landwirt bei einer landwirtschaftlichen Alterskasse versichert ist oder sich von der Versicherungspflicht hat befreien lassen.
Unternehmen der Forstwirtschaft, des Garten- und Weinbaus, der Fischzucht, der Teichwirtschaft, der Imkerei, der Binnenfischerei und der Wanderschäferei, oder die für eine Beihilfegewährung nach der VO (EG) Nr. 73/2009 des Rates vom 19. Januar 2009 (ABl. der EG Nr. L 30/16) nicht in Betracht kommen, dürfen Hanf nicht anbauen.
Rübenzüchter, die Hanf als Schutzstreifen bei der Rübenzüchtung pflanzen, müssen den Hanf vor der Blüte vernichten.
Es besteht die Möglichkeit beim

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
– Bundesopiumstelle –
Kurt-Georg-Kiesinger-Allee 3
53175 Bonn
Telefon: 0228 / 207-5127
Fax: 0228 / 2075210
E-Mail: wilhelm.schinkel@bfarm.de
eine befristete Anbauerlaubnis (gemäß § 3 BtMG) zu beantragen. Diese wird jedoch nur dann erteilt, wenn der Anbau wissenschaftlichen und anderen im öffentlichen Interesse liegenden Zwecken dient. Bei einer Genehmigung durch die Bundesopiumstelle ist keine Anzeige über den Anbau von Nutzhanf (gemäß § 24a BtMG) bei der BLE einzureichen.
Auch der Anbau von zugelassenen THC- armen Hanfsorten durch wissenschaftliche Insti-tute bedarf der Genehmigung durch die Bundesopiumstelle.
– 2 –
Der Anbau von Hanf zum Zwecke des Verkaufs als Zierpflanze ist nicht zulässig.
Der Anbau von Hanfsorten, die nicht im gemeinsamen Sortenkatalog für landwirtschaftliche Pflanzenarten enthalten sind (siehe Anlage 4), ist verboten.

Mit anderen Worten: MEGASTRESS.

Auf einem kleinen gedanklichen Umweg bringt mich dies allerdings zu einer Grundsatzfrage, die mich ziemlich umtreibt: Wieviel ziviler Widerstand tut unserem Garten gut? Oder andersherum: Kann ein urbaner Garten überhaupt unpolitisch sein?

Ich trage mich schon seit längerem mit dem Gedanken, bei o’pflanzt is! ein paar Politische Beete anzulegen.  Das wären Einkaufswägen mit sorgsam beschrifteten Pflanzen, die aus den verschiedensten Gründen ein Politikum sind.  Ein paar der wunderbaren alten Sorten, deren Anbau & Weitergabe das in der Praxis oft kafkaesk-groteske deutsche Saatgutzulassungsrecht zu einem illegalen Akt (!!!!) machtBantam Mais und dergleichen mehr (Mohn weht ja bereits bei uns im Winde – ob Michelle Obama den wohl auch im Garten des Weißen Hauses gepflanzt hat oder ob sie den Anbau doch lieber ihrem Mann und seinen afghanischen Großplantagen überlässt?).

Was meint Ihr? Zu provokativ? Oder ist genau dafür ein urbaner Garten da? Alternativ könnten wir das Ganze ins Netz zu verlegen, die Beete also grafisch darstellen und mit entsprechenden Hintergrundinformationen versehen. Das wäre legaler & friedlicher, aber natürlich viel weniger haptisch. Und nicht so lustig. Und irgendwie ein bißchen, hm, feige. Schreibt mal, was Ihr darüber denkt, bevor die Aussaatzeit ganz vorbei ist. Blogs haben nämlich eine KOMMENTARFUNKTION!

Als kleinen Anreiz möchte ich Euch diesen Film hier sehr, sehr, sehr ans Herz legen:

Er wurde gedreht von der großartigen Filmemacherin Ella von der Haide, deren andere Filme und Projekte zum urbanen Gärtnern Ihr hier findet, und die am vergangenen Donnerstagabend (ich sag‘ ja, es war ein großartiger Tag)  beim Oekom e.V. Zukunftssalon zu Besuch war. Und zwar zusammen mit Ruth Tippe, die ihrerseits die Gen-ethische Stiftung ins Leben gerufen hat und beim gen-ethischen Netzwerk e.V. dabei ist, welche sich kritisch mit dem Einfluss von Gentechnologie auf unser aller Leben beschäftigen. Organisiert wurde das Ganze vom Lifeguide München, einer sehr interessanten Initiative, die einen „umfangreichen Wegweiser für ein nachhaltiges Leben in München“ ins Leben gerufen hat.

Dieser Abend hat mir wiedermal klarstens gemacht, dass wir bei o’pflanzt is! noch viel mehr Wert auf die Kultivierung seltener, regionaler Nutzpflanzensorten legen sollten – anknüpfend an die alten (und wenn nicht besseren, dann doch soviel bunteren)  Zeiten, als Saatguterhaltung eine Sache der Bauern und Gärtner war.

Ich kann Euch an dieser Stelle nicht mal ansatzweise den Umfang und die Wichtigkeit von Saatgutvielfalt für uns alle darlegen – das ist mitnichten ein Thema für Samen-Trainspotter und Gutmensch-Nerdnites, wie viele zu glauben scheinen.  Es geht dabei um absolut nicht weniger als die Zukunft der Welternährung und des ökologischen Gleichgewichts.  Bitte, bitte informiert Euch deshalb selbst.  Zum Beispiel hier, bei der Saatgutkampagne. Oder lest nebenstehendes Buch. Was Ihr natürlich besonders leckerlich bei meiner uns unterstützenden Lieblingsbuchhandlung Buch&Bohne bekommt.

Im Winter, wenn der letzte Kohl geerntet ist, organiseren wir dann mal Workshops zum Thema und gehen das ganze aussähtechnisch konsequent an im neuen Gartenjahr – dieses Jahr müssen wir halt erstmal genug Beete, Erde, Geld für Erde 😉 und unsere Infrastruktur an den Start bringen.

Allerdings: Kleine Anfänge sind gemacht. So gibt’s jetzt die Tomatenarche, in der viele, viele seltene Tomatensorten ein Zuhause finden werden. Gerade schaut sie noch übergangsweise so aus:

Etwa 300 Tomatenpflanzen haben wir am Donnerstag nachmittag  „nach Hause“  in den Garten geholt… Sie waren bei einem grandiosen Gärtner&Bauern in Pflege und wurden gestern, als ich ging, gerade liebevoll ausgegeizt und in Reissäcke umgepflanzt.

Aber davon, und von den temporären Gewächshäusern, die unter Thomas‘ ausgezeichneter Regie gerade im Garten entstehen (und hoffentlich zum Nachbau anregen) im nächsten Post mehr. In dem auch was zur Notwendigkeit von Teams, Kommunikationsstrategien & Netzwerken zu finden sein wird.

____________________

Als P.S. & zum Nachdenken gibt’s noch einen kurzen Text mit auf den Weg. Ist wortwörtlich von der Startseite des Bundessortenamtes übernommen. Und das Wort „Leistungssteigerung“ wähle ich hiermit zur hässlichsten Erbschaft der letzten zwei Jahrhunderte. (Es geht nicht um Leistungssteigerung. Es geht um Umverteilung. Das kann doch nicht so schwer zu kapieren sein. )

Bundessortenamt

Wir begrüßen Sie herzlich auf den Internetseiten des Bundessortenamtes.

Leistungsfähige Pflanzensorten gehören zu den wichtigsten Produktionsmitteln in Landwirtschaft und Gartenbau. Die großartigen Leistungssteigerungen der deutschen Landwirtschaft und des Gartenbaus seit 50 Jahren wären ohne die Erfolge der Pflanzenzüchtung nicht denkbar gewesen. Das gilt für die Zunahme der Hektarerträge, für die Fortschritte in der Anbaueignung vieler Nutzpflanzenarten, verbesserter Qualität und für die höhere Widerstandsfähigkeit gegen Pflanzenkrankheiten und Pflanzenschädlinge.

Das Bundessortenamt ist zuständig für die Erteilung von Sortenschutz und Sortenzulassung und unterstützt damit die vielfältigen Aktivitäten zur Förderung des Züchtungsfortschritts und der biologischen Vielfalt. Das Sortenschutzrecht schützt das geistige Eigentum an definierten Pflanzensorten und sichert so den Ertrag der züchterischen Arbeit durch Gewährung eines privaten Schutzrechtes. Sortenschutz kann für Sorten des gesamten Pflanzenbereichs – ausgenommen Mikroorganismen – beantragt werden.

Voraussetzung für das Inverkehrbringen und den gewerblichen Vertrieb von Saat- und Pflanzgut landwirtschaftlicher Pflanzenarten, Rebe und Gemüsearten ist deren Zulassung. Diese gewährleistet Landwirtschaft, Wein- und Gartenbau und schließlich auch dem Verbraucher die Versorgung mit hochwertigen Saat- und Pflanzgut.

Bei uns im Garten muss keiner leistungsfähig sein. Keine Pflanze, kein Tier, kein Mensch. Ertrag-Reich ja, weil es ein Ort sein möchte, an dem jeder im besten Sinne seine wahren Ressourcen wieder erkennt und sie für sich selbst und alle anderen nutzbar machen kann.  Ich nenne das das Prinzip Mensch, und es gehört zu den Grundsätzenvon o’pflanzt is!. Und wers selber erleben will, der komme vorbei.

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5 Antworten to “Wie politisch s/wollen wir sein?”

  1. Claus Juni 3, 2012 um 6:57 pm #

    Ich glaube mit unserem Gemeinschaftsgaren können wir eh nicht NICHT politisch sein. Durch unser Handeln konfrontieren wir andere Menschen mit einer Haltung. Die wird den einen oder die andere zum Nachdenken anregen. Zustimmung, Widerspruch, Gleichgültigkeit. Wie auch immer…
    Wie wir politische Aussagen (gezielt) im einzelnen ausdrücken, können wir ja besprechen. Ob mit Mohn und Hanf, mit Statements auf Veranstaltungen etc.
    By the way: Hier zwei links zur Wochenzeitung „der freitag“:
    http://www.freitag.de/wochenthema/1222-generation-garten
    http://www.freitag.de/wochenthema/1222-neue-gr-ne-welle
    Die Autorin ist Dr. Christa Müller. Für sie ist Urban Gadening so wie ich sie verstehe per se politisch.

  2. Senfsame Juni 4, 2012 um 12:26 pm #

    Ich finde es eine super Idee, dem Gärtnern eine weitere Dimension zu eröffnen und den urbanen Garten auch als eine politische Meinungsäußerung zu verwenden – ich bin dabei.

    • Sönke Juni 5, 2012 um 10:11 am #

      Einen urbanpolitischer Garten (natürlich parteilos) find‘ ich toll. Wir können die „politischen Botschaften“ eher unauffälig, aber doch unübersehbar (hmm, wie macht man das?) auf dem Gelände verteilen. Und durch den Blog etc. auch im Web unterstützen.

      Speziell das Thema Saatgut eignet sich hervorragend (Macht der Konzerne brechen) …

      „Auch ein langer Weg beginnt mit einem ersten kleinen Schritt.“
      Und wir haben ja schon einige hinter uns 🙂

      • opflanztis Juni 7, 2012 um 6:40 pm #

        Diesen Kommentar wollte ich Euch nicht vorenthalten; er stammt von unserer Facebookseite, aber ist einfach zu schön, um nicht seinen Weg hierher finden zu dürfen.

        „Ich hab mich schon so oft über diese diese unverschämten und entmündigenden Anbauverbote geärgert. Ich fände so eine Aktion toll. Man muss ja nicht gleich mit Hanf anfangen (da ist die Gesetzeslage ja eindeutig und die Verfolgung bekanntermaßen recht rigoros), aber es gäbe ja bestimmt noch ein paar andere Sachen, die in einer gewissen Grauzone liegen oder anderweitig diesen Bio-Faschismus (mir fällt gerade kein anderes Wort dafür ein) kritisieren oder persiflieren. Vielleicht wäre das ja auch mal ein kleines Projekt für das Guerilla-Gardening, oder so… (sind Blaumohnsamen aus der Backabteilung im Supermarkt eigentlich keimfähig? 😀 )
        Bantam wird bei mir daheim nächstes Jahr auch endlich mal angebaut.“ (Martin H.)

  3. constanze Juni 18, 2012 um 1:35 pm #

    Wie weit wäre ein Kooperation mit dem (genau im Osten von München liegenden) ÖBZ möglich, für ein politisches Schaubeet?

    Politische Pflanzen sind nicht nur sterile Samen (keine Aussaat nach der Ernte fürs nächste Jahr) und das Saatgutgesetz, sondern auch Kaffee, der einen ungeheuren Einfluss auf den Weltmarkt hat. (Es gibt auch ein Buch über die fünf Pflanzen, um die Kriege geführt wurden und auf denen ganze Weltreiche aufbauten, wie Zucker, Tee, Pfeffer).

    Allerdings finde ich, dass der Opflanzt-Gartern erst einmal als alternativer Garten laufen sollte – wenn er kulturen verbindet, Menschen mit der Natur zusammenbringt und Leuten mit geringem Einkommen die Möglichkeit bietet, gesundes, biologisches Gemüse zu erhalten, ist doch schon sehr viel alterntives erreicht.

    Offensiv politisch werden mit dem Risiko, dabei gegen bestehende Gesetzte zu verstossen würde ich für später aufheben.

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